Wahrnehmungen

Nach seiner Trennung von Regine Olsen schrieb Kierkegaard (»S. K.«) während eines langen Winters in Berlin sein »Lebensfragment« Entweder – Oder. Zudem besuchte er Vorlesungen Friedrich Schellings, die er als Zeitverschwendung empfand. Entweder schreiben oder hören: Man muß Prioritäten setzen!

Peter E. Gordon. »Kierkegaard’s Rebellion.« Rezension zu Kierkegaard: Exposition and Critique, von Daphne Hampson. The New York Review of Books, Nov. 10, 2016, vol. LXIII, no. 17, pp. 21-3.

Keine Tabus

Die noch immer faszinierende Tatsache, daß hinter Claude Lévi-Strauss’ ethnologischer Studie Les Structures élémentaires de la parenté (1949) die linguistische Phonem-Theorie Roman Jakobsons steckt – quasi unter der Haube –, zeigt, daß das Heranziehen von fachfremden Erkenntnissen zu überraschenden, neuen, ja epochalen Ansichten führen kann. Man sollte also mit offenen Augen und einem panoramatischen Blick durch die Welt gehen, um Beziehungen und Gegensätze breiter betrachten und klassifizieren zu können.

Adam Kuper. »Philosopher among the Indians.« Rezension zu Lévi-Strauss, von Emmanuelle Loyer. The Times Literary Supplement, Oct. 12, 2016, http://www.the-tls.co.uk/articles/public/philosopher-among-the-indians/.

In Menschenleder

Ich entnehme einem Text in Lapham’s Quarterly, daß anthropodermische Bücher im 19. Jahrhundert keine Seltenheit gewesen seien. Das am schwierigsten aufzutreibende und in Menschenhaut gebundene Buch – falls es denn wirklich existiere – sei Marquis de Sades Justine et Juliette – »bound in a woman’s skin or French erotica with a visible human nipple on the cover«. Nie waren abstrakte Schrift und konkreter Körper enger miteinander verbunden, nie waren fiktiver Text und physisches Gewebe deutlicher aneinander gebunden!

Megan Rosenbloom. »A Book by Its Cover: The strange history of books bound in human skin.« Lapham’s Quarterly, Oct. 19, 2016, http://laphamsquarterly.org/roundtable/book-its-cover.

Modus scribendi

Finde in einer Rezension in der österreichischen Literaturzeitschrift Volltext die sehr harschen Worte: »Die germanistische Sucht nach sogenanntem Realismus hat den Irrealis kurzweg weggeschluckt und unverdaut dann ausgeschissen.« In der Möglichkeit des grammatischen Exkrements findet sich die Tatsache einer fruchtbaren Sprachhygiene.

Alban Nikolai Herbst. »Gehirn und Herz liegen Wand an Wand.« Rezension zu Der König von Europa, von Jan Kjærstad. Volltext, Nr. 3/2016, pp. 60-1.

Arbeit am Mythos

Die Diskussion um Biotechnologie und Künstliche Intelligenz erweist sich mit Blick auf die alten Griechen als Schnee von gestern: »Medea’s ram and lamb are the ancestors of Dolly, the first genetically engineered sheep, which emerged from a cloning experiment in 1997.« Der Kampf gegen Sterblichkeit, Verfall und Alter verlagert sich vom Epos zum Ethos.

Adrienne Mayor. »Bio-techne.« Aeon, May 16, 2016, https://aeon.co/essays/replicants-and-robots-what-can-the-ancient-greeks-teach-us.

Vertauschte Rollen

Von einem Podcast des Deutschlandfunks lerne ich, daß Andrew Jackson – von 1829 bis 1837 der siebte Präsident der USA – ein leidenschaftlicher, harter und kompromißloser Populist, Rassist und Sklavereibefürworter mit genozidalen Anwandlungen gewesen sei, der heutzutage vermutlich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag landen würde. Stattdessen landete er, der Demokrat war, auf dem Zwanzig-Dollar-Schein. Für den beliebten und verehrten Republikaner und Sklavenbefreier Abraham Lincoln war nur Platz auf der Fünf-Dollar-Note.

Hannes Stein. »Präsidentschaftswahlen in den USA, Teil 1: Der lange Weg zur Rassistenpartei.« Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 9. Okt. 2016, 9:30 Uhr

Lektürezeit

Der investigative Journalist Luke Harding schätzt, daß ein einzelner Leser gut 27 Jahre für die Bewältigung der sogenannten Panama Papers benötigen würde – das größte Epos moderner Kleptokratie, das die Welt je gesehen hat!

Alan Rusbridger. »Panama: The Hidden Trillions« The New York Review of Books, Oct. 27, 2016, vol. LXIII, no. 16, pp. 33-5.