Von Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Das Auge sinkt, die Sinne wollen scheiden: / »Fahr wohl! du altes Jahr, mit Freud und Leiden, / Der Himmel schenkt ein Neues, wenn er will.« / So neigt der Mensch sein Haupt an Gottes Güte, / Die alte fällt, es keimt die neue Blüte / Aus Eis und Schnee, die Pflanze Gottes still.

Die Nacht entflieht, der Schlaf den Augenlidern: / »Willkommen junger Tag mit deinen Brüdern! / Wo bist du denn, du liebes neues Jahr?« / Da steht es in des Morgenlichtes Prangen, / Es hat die ganze Erde rings umfangen / Und schaut ihm in die Augen ernst und klar.

»Gegrüßt du Menschenherz mit deinen Schwächen, / Du Herz voll Kraft und Reue und Gebrechen, / Ich bringe neue Prüfungszeit vom Herrn.« / »Gegrüßt du neues Jahr mit deinen Freuden, / Das Leben ist so süß, und wären’s Leiden, / Ach, Alles nimmt man mit dem Leben gern!«

»O Menschenherz, wie ist dein Haus zerfallen! / Wie magst du doch, du Erbe jener Hallen, / Wie magst du wohnen in so wüstem Graus!« / »O neues Jahr, ich bin ja nie daheime! / Ein Wandersmann durchzieh ich ferne Räume; / Es heißt wohl so, es ist doch nicht mein Haus.«

»O Menschenherz, was hast du denn zu treiben, / Daß du nicht kannst in deiner Heimat bleiben / Und halten sie bereit für deinen Herrn?« / »O neues Jahr, du mußt noch viel erfahren; / Kennst du nicht Krieg und Seuchen und Gefahren! / Und meine liebsten Sorgen wohnen fern.«

»O Menschenherz, kannst du denn Alles zwingen? / Muß dir der Himmel Tau und Regen bringen, / Und öffnet sich die Erde deinem Wort?« / »Ach nein, ich kann nur sehn und mich betrüben, / Es ist noch leider nach wie vor geblieben / Und geht die angewiesnen Wege fort.«

»O tückisch Herz, du willst es nur nicht sagen, / Die Welt hat ihre Zelte aufgeschlagen, / Drin labt sie dich mit ihrem Taumelwein.« / »Der bittre Becher mag mich nicht erfreuen, / Sein Schaum heißt Sünde, und sein Trank Gereuen, / Zudem läßt mich die Sorge nie allein.«

»Hör an, o Herz, ich will es dir verkünden, / Willst du den Pfeil in seinem Fluge binden? / Du siehst sein Ziel nicht, hat er darum keins?« / »Ich weiß es wohl, uns ist ein Tag bereitet, / Da wird es klar, wie Alles wohl geleitet, / Und all die tausend Ziele dennoch Eins.«

»O Herz, du bist von Torheit ganz befangen! / Dies alles weißt du, und dir kann noch bangen! / O böser Diener, treulos aller Pflicht! / Ein jeglich Ding füllt seinen Platz mit Ehren, / Geht seinen Weg und läßt sich nimmer stören, / Dein Gleichnis gibt es auf der Erde nicht!

Du hast den Frieden freventlich vertrieben! / Doch Gottes Gnad’ ist grundlos wie sein Lieben, / O kehre heim in dein verödet Haus! / Kehr heim in deine dunkle wüste Zelle, / Und wasche sie mit deinen Tränen helle, / Und lüfte sie mit deinen Seufzern aus!

Und willst du treu die Blicke aufwärts wenden, / So wird der Herr sein heilig Bild dir senden, / Daß du es hegst, in Glauben und Vertraun, / Dann darf ich einst an deinem Kranze winden, / Und sollte dich das neue Jahr noch finden, / So mög es in ein Gotteshäuslein schaun!«