Epochales Wettkriechen

Gleich im einleitenden Absatz seines mit »Oft unsichtbar, und doch omnipräsent« betitelten Nachrufs auf die gestern im Alter von 96 Jahren verstorbene Königin Elisabeth II. drückt Jochen Buchsteiner die Wirkmächtigkeit der britischen Monarchin mit der Ansicht aus, auch diese zweite Elisabeth könnte einer Epoche ihren Namen geben: Wenn Königin Elisabeth II. auf dem Balkon des…Mehr

Regionalmythologie des Sauerlandes

Im geerbten großelterlichen Bücherregal stieß ich kürzlich auf das 48-seitige neunte Heft der Beiträge zur Heimatkunde des Kreises Arnsberg (ohne Jahresangabe, nach 1960), zu dem auch mein Großvater Hubert Schulte-Ebbert (1909-1981) zwei Texte beigesteuert hat, und zwar »Kriegsgreuel in Allendorf und Enkhausen« (pp. 7-9) zum Abschnitt »Der Siebenjährige Krieg im Herzogtum Westfalen« sowie »In Allendorf…Mehr

Der Grauseher

Peter Sloterdijk setzt in »Wer noch kein Grau gedacht hat« eine unscheinbare Unfarbe geistreich in Szene In seiner Februar-Ausgabe des Jahres 1974 druckte das amerikanische Magazin High Fidelity einen Text ab, der den seltsam anmutenden Titel »Glenn Gould interviewt Glenn Gould über Glenn Gould« trug. In diesem höchst amüsanten Vexierspiel der Identitäten, für das der…Mehr

Ursprünge des Schwarzen Todes

Der 1440-Newsletter machte mich kürzlich auf die Ursprünge des sogenannten ›Schwarzen Todes‹ aufmerksam, dem in Europa zwischen den Jahren 1346 und 1353 geschätzt 25 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind – etwa ein Drittel der Bevölkerung: Genom-Analysen von Überresten aus dem 14. Jahrhundert, die ursprünglich im heutigen Kirgisistan vergraben waren, deuten darauf hin, daß ein…Mehr

Kolaphologie

In der Bergpredigt erhält der Gläubige im Abschnitt »Vom Vergelten« die folgende Verhaltensanweisung: Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Mt 5.39; LU84, Ausg. 2006 Am 3. Januar 2011 notiert der Philosoph Peter Sloterdijk in Uga,…Mehr

Von Feuerwehrfesten und Karriereplänen

Aus einem Interview, das der Soziologe Niklas Luhmann am 2. Oktober 1997 mit Wolfgang Hagen für Radio Bremen geführt hat, erfahre ich von den Schwierigkeiten und Hürden der Beamtenlaufbahn. Vor dem Hintergrund der beruflichen Situation Luhmanns in Niedersachsen und seines Harvard-Stipendiums 1960/61 resümiert Hagen: Und dann saßen Sie im niedersächsischen, äh, Kultusministerium und, äh, entdeckten…Mehr

It’s getting Matter all the time!

Nachdem ich im letzten Jahr am Ende jedes Monats eine chronologisch sortierte Leseliste veröffentlicht habe, habe ich diese Praxis nun vom Blog auf eine relativ neue App verlagert (man könnte von »Outsourcing« sprechen), deren Funktionsumfang weit darüber hinaus reicht. Matter ist ein relativ neuer Read-Later-Dienst, vergleichbar mit Pocket oder Instapaper, der einen leistungsstarken Textparser mit…Mehr

Kommentarologie

In einem relativ kurzen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung über die nach 55 Jahren zum Abschluß gebrachte Kritische Ausgabe Sämtlicher Werke Hugo von Hofmannsthals heißt es: Nicht die schiere Dauer des Projekts sorgte bisweilen für Irritationen, sondern, vor allem in der Anfangsphase, der Wille zum philologischen Exzess. Dass beispielsweise Hofmannsthals unvollendete Komödie »Timon von Athen«,…Mehr

Wo aber Genie ist, wächst das Albernde auch

Einige Bemerkungen zu The Beatles: Get Back von Peter Jackson Vor gut zwei Jahrzehnten – es muß 2003 oder 2004 gewesen sein – erhielt ich auf Um- und Nebenwegen über die inzwischen stillgelegte Internetpräsenz Bootleg Zone digitalen Zugriff auf 17 CDs, die ich als Beatles-Fan völlig euphorisch und mir keiner Schuld bewußt herunterlud, was bei…Mehr

Flowermountain meets Bloomberg

Das Jahr beginnt mit einem kopfschüttelnden Schmunzeln meinerseits: In der Kultursparte des Norddeutschen Rundfunks entdecke ich einen am 30. Dezember veröffentlichten, in Interviewform gegossenen »gesellschaftspolitischen Jahresrückblick« mit dem Soziologen Hartmut Rosa. Befragt nach der Kulturpolitik des vergangenen Jahres, antwortet dieser: Ich habe deshalb in den letzten Monaten sehr viel darüber nachgedacht, welche Rolle eigentlich Kultur…Mehr

2021 – Mein Bücherjahr

Am letzten Tag des Jahres werfe ich – wie schon 2012, 2017, 2018, 2019 und 2020 – einen chronologisch ausgerichteten Blick zurück auf die abwechslungs- und lehrreichen (Hör-)Bücher, die ich in den vergangenen zwölf Monaten lesen (und hören) konnte. [1]Detlev Claussen. Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie. S. Fischer, 2003. [2]Jan Roß. Die Verteidigung des…Mehr

2021 – Mein Streaming- und Fernsehjahr

[1]Tatort Weimar: Der feine Geist, MDR, 2021. [2]The Handmaid’s Tale: Der Report der Magd, Staffel 3, 13 Episoden, Amazon Prime, 2019. [3]Voll abgezockt, Netflix, 2013. [4]Tatort Köln: Der Tod der Anderen, WDR, 2021. [5]Charité, Staffel 3, 6 Episoden, ARD, 2021. [6]The Foreigner, Amazon Prime, 2018. [7]Tatort Stuttgart: Das ist unser Haus, SWR, 2021. [8]Lupin, Staffel…Mehr

Dezember 2021 – Meine Leseliste

[1]Helmut Mayer. »Ökologie ist nicht grün.« Rezension zu Wo bin ich? Lektionen aus dem Lockdown, von Bruno Latour. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2021, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/bruno-latours-buch-wo-bin-ich-17653106.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2. [2]Mike McCartney und Henry Yates. »›I was part of the Beatles’ act‹: Mike McCartney’s best photograph.« The Guardian, 1 Dec 2021, https://www.theguardian.com/artanddesign/2021/dec/01/the-beatles-mike-paul-mccartney-best-photograph. [3]Angie Martoccio. »Coveted Archives of Beatles Road Manager Mal Evans…Mehr

Einsame Einzelne

Ich stoße in einem Brief Carl Schmitts an Gretha Jünger auf eine Passage, die schauderhaft berückend tönt: Es ist merkwürdig, wie in derselben Zeit, in der die menschlichen Nachrichten- und Kommunikationsmittel ihre fabelhafteste Steigerung erreicht zu haben scheinen, der einzelne denkende Mensch mit ungeheurer Wucht auf sich selbst zurückgeschleudert wird, auf seine einzelne, einsame Einzigkeit…Mehr

Ich nicht

In Franziska Augsteins Nachruf auf den am 17. Dezember im Alter von 91 Jahren verstorbenen Verleger Klaus Wagenbach heißt es: Und noch eine zweite Eigenschaft ist es, neben der Ironie, die ein unabhängiger Verleger benötigt: Eigensinn. Der wurde dem kleinen Klaus von seinem Großvater beispielhaft geboten. Der hatte über seinem Hauseingang die Worte anbringen lassen:…Mehr

November 2021 – Meine Leseliste

[1]Charles M. Blow. »Metaverse? Are You Kidding Me?!« The New York Times, Oct. 31, 2021, https://www.nytimes.com/2021/10/31/opinion/metaverse-facebook.html. [2]Jennifer Schuessler. »Oxford’s 2021 Word of the Year Is a Shot in the Arm.« The New York Times, Oct. 31, 2021, https://www.nytimes.com/2021/10/31/arts/vax-oxford-word-year.html. [3]Benedict Neff. »Alain Finkielkraut: ›Ich wurde viel häufiger beschuldigt, ein dreckiger Rassist zu sein als ein dreckiger…Mehr

Eleanor Rigbys stolze Schwester

Man merkt es dem Song nicht an, aber er wurde unter Zeit- und Geldnot produziert, und zwar in Studio 2 der Abbey Road, das noch mit Instrumenten und Gadgets der Beatles gefüllt war: »A Rose for Emily« der Zombies ist eine Elegie für junge und alte Liebende Als man Mitte der achtziger Jahre auf dem…Mehr

Oktober 2021 – Meine Leseliste

[1]Mathias Brodkorb. »Rassistischer Reis.« Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2021, https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/die-theorie-der-kulturellen-aneignung-fuehrt-zum-voelkischen-denken-zurueck-17558262.html?premium. [2]Sibylle Anderl, Michael Hanfeld und Joachim Müller-Jung. »Ein Kessel Schwurbel.« Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2021, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/kuenstler-aeussern-kritik-an-corona-politik-mit-allesaufdentisch-17563403.html?premium. [3]James Plunkett. »Email: the worst form of communication yet devised by humankind?« Prospect, September 28, 2021, https://www.prospectmagazine.co.uk/society-and-culture/email-the-worst-form-of-communication-yet-devised-by-humankind. [4]Alex Marshall. »A Year in the Life: Who Gets a Master’s Degree in the…Mehr

Anatomie der Melancholie

Der klassische Philologe Gregory Hays gibt in einer Rezension dreier Titel zum Thema Depression einen konzisen Überblick über die mannigfaltigen Ursachen der Melancholie, die Robert Burton (1577–1640), anglikanischer Geistlicher, Gelehrter und Bibliothekar am Christ Church College in Oxford, in seinem erstmals 1621 unter dem Pseudonym »Democritus Junior« erschienenen Hauptwerk The Anatomy of Melancholy, What it…Mehr

Von Selbstzweifeln zur Selbsthistorisierung

In der aktuellen Ausgabe von Sinn und Form findet sich ein berührender Beitrag Ernst Osterkamps, in dem der emeritierte Literaturwissenschaftler und -kritiker melancholisch wie begeistert zurückblickt auf die Zeit seines Studiums und der zweijährigen Arbeit an seiner komparatistischen Dissertation über Luzifer. Stationen eines Motivs an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster von 1968 bis 1977. Ausgangspunkt dieser…Mehr