literaturkritik.de

Juli 2019

Aktenzeichen FK (un-)gelöst. Benjamin Balints »Kafkas letzter Prozess« ist (leider) mehr als eine Gerichtsreportage

Etwas zu besitzen bedeutet, darüber verfügen zu können. Ein Besitz ist das Gut, das jemandem gehört. Doch das, was in Besitz genommen wurde, kann sich zur Besessenheit entwickeln, kann seinen Besitzer selbst besitzen, ihn in Anspruch nehmen, was einst dem Teufel vorbehalten war. Wer besitzt wen, wer hat die Kontrolle in diesem fanatischen Belagerungsspiel? [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


November 2018

Geschwisterähnlichkeiten. Nach über 20 Jahren erscheint der Wittgensteinsche Familienbriefwechsel als ergänzte Ausgabe

Das Lesen von Briefen, die nicht für einen selbst, geschweige denn für eine breite Öffentlichkeit bestimmt sind, umgibt eine Aura des Verbotenen; man bricht in die Privatsphäre, in Gedanken und Gefühle anderer Menschen ein wie in eine Bank oder ein Haus. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Dezember 2017

Eintauchen in Jahrhunderte. Die Historikerin Emmanuelle Loyer legt eine meisterhafte Biografie über den Ethnologen Claude Lévi-Strauss vor

Schlägt man die wuchtige Biografie auf, die die französische Historikerin Emmanuelle Loyer im Jahr 2015 bei Flammarion vorgelegt hat und die nun in deutscher Übertragung von Eva Moldenhauer bei Suhrkamp erschienen ist, trifft den Leser noch vor Textbeginn der Blick des Protagonisten dieser über tausendseitigen Lebensbeschreibung: Claude Lévi-Strauss, Doyen der französischen Ethnologie, weißhaarig, mit wachem, freundlichem Blick, den Mund leicht geöffnet, als wäre er gerade im Begriff, einen Gedanken zu äußern, steht, leger gekleidet, auf einer Wiese in Lignerolles, die im Hintergrund an ein Waldstück grenzt. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Juni 2017

Wesenswahrheiten. Nach 85 Jahren erscheint »Elemente der Bildung« aus dem Nachlass des großen Romanisten Ernst Robert Curtius

Zur bevorstehenden Bundestagswahl im September haben sich – wie es inzwischen zum guten Ton gehört – alle großen Parteien das Schlagwort »Bildung« auf die Fahnen geschrieben, verstärkt noch durch das Pronomen »mehr«, denn mehr ist in einer auf Wachstum ausgerichteten Gesellschaft stets erstrebenswert und daher per se gut. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


März 2017

Vertikalspannungen. In einer lesenswerten Parallelbiografie präsentiert Manfred Geier Leben und Denken von »Wittgenstein und Heidegger«

Als Ludwig Wittgenstein am 29. April 1951, drei Tage nach seinem 62. Geburtstag, einem Krebsleiden im Hause seines Arztes Edward Bevan in Cambridge erlag, richtete er seine letzten Worte tags zuvor an Dr. Bevans Ehefrau Joan, die diese seinen Freunden ausrichten sollte: »Tell them, Iʼve had a wonderful life.« [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Januar 2017

Die unerträgliche Leichtigkeit der Gewalt. Jan Philipp Reemtsma bringt in zwei Reden ein attraktives Phänomen zur Sprache

Am 10. Januar 2017 verurteilte eine US-Bundesjury den 22-jährigen Rassisten Dylann S. Roof zum Tode. Roof hatte im Juni 2015 neun Afroamerikaner während eines Wortgottesdienstes in der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston, South Carolina, erschossen. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Januar 2017

Welcome to the Machine. In E. M. Forsters Dystopie »Die Maschine steht still« ist unsere Gegenwart längst angekommen

Am 4. September 1909 machten sich Max Brod und Franz Kafka (Brods Bruder Otto sollte sich mit Verspätung dazugesellen) auf den Weg von Prag gen Süden in die Sommerfrische ins oberitalienische Riva – eine Bahnreise, die immerhin 21 Stunden dauern sollte. Während ihres fünftägigen Aufenthalts erfuhren die Freunde aus einer Zeitung, dass der französische Luftfahrtpionier Louis Charles Joseph Blériot (1872-1936), der erst am 25. Juli als erster Mensch den Ärmelkanal von Calais nach Dover überflogen hatte, im gut 80 Kilometer entfernt liegenden Brescia an einem Flugmeeting teilnahm. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


April 2016

Vorübungen in Frankfurt. Mit »Pandectae« erscheint der dritte Band aus Arthur Schopenhauers Nachlass

Nachdem die Cholera von Indien über Russland im Sommer 1831 Berlin erreicht hatte, verließ der 43-jährige Arthur Schopenhauer im September fluchtartig die preußische Hauptstadt, um zunächst in Frankfurt Schutz vor der sogenannten ›asiatischen Hydra‹ zu finden. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Februar 2016

Naturgewalten. Ta-Nehisi Coates’ aufrüttelnder Essay »Zwischen mir und der Welt« handelt von schwarzen Körpern und weißen Träumern

In der eindringlichen Verfilmung »A Time to Kill« (dt. »Die Jury«, 1996) des gleichnamigen Romans von John Grisham aus dem Jahr 1989 erschießt der schwarze Familienvater Carl Lee Hailey (gespielt von Samuel L. Jackson) im noch immer stark rassistisch geprägten US-Bundesstaat Mississippi die weißen Vergewaltiger seiner zehnjährigen Tochter Tonya. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Dezember 2015

Lichtschriftzeichen. Der Band »Auge in Auge« versammelt Roland Barthes’ Texte zu Photographie(n) und Photographen

In ihrer 1982 erschienenen Einleitung »Das Schreiben selbst: Über Roland Barthes« zu »A Barthes Reader«, die 2001 in der Essay-Sammlung »Worauf es ankommt« wieder abgedruckt wurde, weist Susan Sontag darauf hin, dass Barthes’ Schreiben wesentlich aphoristisch geprägt sei: »Man könnte tatsächlich Barthes’ Werk nach glänzenden Kleinodien – Epigrammen, Maximen – durchsuchen, um daraus ein kleines Buch zu machen, wie man es bei Proust und Wilde gemacht hat.« [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


November 2015

Die Lesbarkeit der Strukturen. In seinem brillanten Essay »Der Eiffelturm« zerlegt der vor hundert Jahren geborene Roland Barthes das französische Wahrzeichen und setzt eine Theorie des Turms zusammen

In ihrer Ausgabe vom 28. März 2015 publizierte die britische Wochenzeitschrift The Economist unter dem Titel »Towers of Babel« einen Artikel, der sich mit dem von Andrew Lawrence im Jahr 1999 veröffentlichten »Wolkenkratzer-Index« – im Text ist etwas dramatisch vom »Wolkenkratzerfluch« (skyscraper curse) die Rede – kritisch auseinandersetzt. Jener ›Fluch‹ besagt das Folgende: »Mr Lawrence noticed a curious correlation between the construction of the world’s tallest buildings and economic crises.« [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Mai 2015

Ein logischer Idealist. Helmut Papes Einführung zeichnet ein ganzheitliches Bild des Semiotikers Charles Sanders Peirce

Wer auf eine Einführung zurück- oder zugreift, der tut dies in der Hoffnung, eine Anleitung, eine Interpretation, ja einen Baedeker in Händen zu halten, der das jeweilige Sujet auslegt, erklärt oder gar dessen Essenz entschlüsselt. Im Falle des amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce (1839-1914) könnte eine derartige Orientierungshilfe keine größere Existenzberechtigung besitzen, gilt sein fragmentarisches Werk gemeinhin als dunkel, unverständlich und unüberblickbar. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Juli 2013

Die Bernhard-Werdung Thomas Bernhards. Mit »Argumente eines Winterspaziergängers« liegen nun zwei bisher unveröffentlichte ›Vorstufen‹ zu »Frost« vor

»Ich war glücklich mit meinem Buch, das im Frühjahr dreiundsechzig erschien zugleich mit einer seitenlangen Besprechung in der ›Zeit‹ von Zuckmayer. Aber als das allgemeine Besprechungsgewitter vorbei war, ungemein heftig und vollkommen kontrovers, vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß, war ich aufeinmal am Boden zerstört und wie in eine entsetzliche hoffnungslose Grube gefallen. Ich glaubte, an dem Irrtum, Literatur sei meine Hoffnung, ersticken zu müssen. Ich wollte von der Literatur nichts mehr wissen.« Mit diesen Worten beschreibt Thomas Bernhard in dem wohl 1980 entstandenen und 2009 aus dem Nachlass herausgegebenen Text »Meine Preise« seine innere Befasstheit nach der Veröffentlichung seines Debütromans »Frost« im Insel-Verlag im Mai 1963. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Juni 2013

Facetten der Gewalt. Ein von Christian Gudehus und Michaela Christ herausgegebenes Handbuch bündelt interdisziplinäre Sichtweisen auf das Phänomen der Gewalt

Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis sich der renommierte Metzler-Verlag in seiner fast einhundert Titel umfassenden Handbuch-Reihe einem so zeitlosen wie aktuellen, omnipräsenten wie marginalisierten (Forschungs-)Thema widmet: »Gewalt«, so der plakative Titel des im April 2013 erschienenen »interdisziplinären Handbuchs«. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


März 2013

Einsicht durch Blindheit. Barbara Naumann spürt in ihrer »Bilderdämmerung« dem ikonisch Prekären in Romanen nach

Der heute schon fast vergessene Literaturnobelpreisträger Paul Heyse schreibt am 14. Januar 1881 in einem Brief an Gottfried Keller: »Ich habe längst erwartet, daß einer der modernen Experimental-Ästhetiker eine Abhandlung schreiben würde über den Einfluß der Photographie auf unsere Kunst und Literatur, da ich in derselben die Erzeugerin und Amme unseres heutigen Realismus erblicke.« [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


September 2012

Du musst dein Leben notieren. Mit »Zeilen und Tage« gewährt Peter Sloterdijk unterhaltsame Einblicke in sein Alltagsdenken

Oftmals befindet sich in Notizen, die auf Tausenden Zetteln verstreut sind, die Essenz eines ganzen Lebens. Thomas Bernhard hat dies im literarischen Feld immer wieder thematisiert. Dass sich Notizen als Merkmale, Schriftzeichen oder Etiketten hervorragend eignen, das Denken und mit ihm das Leben hinter dem Denken zu ordnen und schließlich auch zu präsentieren, zeigt der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk in seiner neuesten Veröffentlichung, die im Untertitel den dargestellten Zeitraum abgrenzt: »Notizen 2008-2011«. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Juli 2012

Entscheidungen im Supermarkt. David Foster Wallace denkt in »Das hier ist Wasser« wenig originell über das erwachsene Denken nach

»Wie gelingt einem ein angenehmes, gut situiertes und respektables Erwachsenendasein, ohne dass man tot, gedankenlos und tagein, tagaus ein Sklave des eigenen Kopfes und der angeborenen Standardeinstellung wird, die vorgibt, dass man vor allem total auf sich allein gestellt ist?« Diese Fragestellung steht im Zentrum der kurzen Rede, die der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace im Jahre 2005 vor Absolventen des Kenyon College in Gambier, Ohio, hielt. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Mai 2012

Verwunderungsübung. Peter Sloterdijks erstaunliche Rede über »Streß und Freiheit«

Das Staunen in Philosophie und Wissenschaft, so beginnt Peter Sloterdijks Rede, die er am 6. April 2011 im Rahmen der Berliner Reden zur Freiheit gehalten hat, dieses Staunen also, das bei Platon und Aristoteles noch am Anfang der Disziplinen stand, sei verschwunden. Gerade die Sozialwissenschaften seien eine »verwunderungsfreie Zone«, was umso erstaunlicher sei, da sich gerade diese Disziplin mit den Völkern und Gesellschaften befasse, die mit Millionen und Milliarden Menschen funktionieren. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


April 2012

Des Kaisers neue Tiere. Achim Thomas Hack berichtet in seiner »Biographie eines Elefanten« über Politik, Gabenpraxis und Dickhäuter im Mittelalter

Von Benjamin Blümchen über Ottos Ottifanten und Loriots Wendelin bis hin zu Disneys Dumbo – Elefanten sind in der westlichen Kultur inzwischen bekannt wie bunte Hunde. Auch reale Vertreter ihrer Spezies, wie etwa Tuffi, die aus der Wuppertaler Schwebebahn sprang, oder Hannibals Elefanten, die im Jahre 218 vor Christus die Alpen überquerten, sind den meisten ein Begriff. Weniger bekannt dürften die namentragenden Dickhäuter der Antike oder des Mittelalters sein. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


März 2012

Der Wille zur Orientierung. Über Werner Stegmaiers sehr gelungene Nietzsche-Einführung

»Mihi ipsi scripsi – dabei bleibt es; und so soll Jeder nach seiner Art für sich sein Bestes thun – das ist meine Moral: – die einzige, die mir noch übrig geblieben ist.« Diese ironisch-verzweifelten Zeilen schreibt Friedrich Nietzsche im Juli 1882 an Erwin Rohde, seinen Freund aus der Studentenzeit. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]


Januar 2012

Fragmente eines Diskurses der Gewalt. Thomas Bernhards violentistisches Schreibprojekt

»Keine Zeit könne man«, so heißt es in Thomas Bernhards 1970 erschienenem Roman »Das Kalkwerk«, »wie die heutige, mit größerem Rechte als die Zeit des Gewaltverbrechens bezeichnen, […].« Sicherlich kann dieses Urteil – Steven Pinker möge widersprechen – auch auf das Jahr 2012 angewendet werden. [Weiterlesen auf literaturkritik.de]

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