Bockige Ausdauer

In der aktuellen Ausgabe der österreichischen Literaturzeitschrift Volltext ist das Gespräch abgedruckt (und wie man erfährt: »hier erstmals vollständig publiziert«), das Alexander Kluge im April 1994 mit dem damals 66jährigen Soziologen Niklas Luhmann in München geführt hat. Es endet mit Kluges Frage: »Was würden Sie als eine Ihrer Haupteigenschaften bezeichnen?«, worauf Luhmann prägnant antwortet: »Bockigkeit«. Die Semantik dieses Begriffs umgibt nichts Mysteriöses; das Verb bockenbedeutet – folgt man Kluges (nicht Alexander!) Etymologischem Wörterbuch»steifbeinig dastehen und sich sperren wie ein Bock«. Luhmann sieht sich also als einen störrischen, widerstrebenden, vielleicht auch launischen Menschen, in dessen Hartnäckigkeit jedoch vor allem das Moment der unbedingten Ausdauer zum Tragen kommt. Interessanterweise hatte der 61jährige Philosoph Hans Blumenberg 1982 im sogenannten Proustschen Fragebogen für das Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Frage nach seinem Hauptcharakterzug nicht minder prägnant, doch weniger negativ konnotiert, als es Luhmann tat, mit »Ausdauer« beantwortet. Sicherlich muß man als Geistesarbeiter nicht nur flexibel und offen, sondern auch ausdauernd und stur wie ein Bock sein, zumindest wenn man ein ganzes Zettelkasten-Universum erschaffen und beherrschen möchte, wie dies Blumenberg und Luhmann getan haben. Im Nachwort zu Quellen, Ströme, Eisberge findet sich – bezugnehmend auf eine Randbemerkung Blumenbergs auf einer Kopie von Luhmanns Text Kommunikation mit Zettelkästen – die folgende Anekdote: »Gegen Luhmanns Erklärung, er arbeite seit nunmehr 26 Jahren mit seinem Zettelkasten, setzt Blumenberg 1981 handschriftlich die Zahl 40!« – man beachte das beinahe bockig gesetzte Ausrufezeichen.

Alexander Kluge. »›Schirmherr makelloser Schlangenschönheit.‹« Volltext, Nr. 4/2017, pp. 34-51, hier pp. 34, 49.

Art. »bocken.« Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Aufl., de Gruyter, 2011, p. 137.

Rüdiger Zill. »Umweg zu sich. Hans Blumenbergs Spiegel-Bild.« Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft VII/1, Frühjahr 2013, pp. 81-90, hier p. 88.

Ulrich von Bülow und Dorit Krusche. Nachwort. Quellen, Ströme, Eisberge, von Hans Blumenberg, herausgegeben von Ulrich von Bülow und Dorit Krusche, Suhrkamp, 2012, pp. 271-85, hier p. 280.

Anekdoten aus einem Jahrhundert

Was ich aus Emmanuelle Loyers monumentaler Biographie über den Ethnologen Claude Lévi-Strauss (1908-2009) gelernt habe:

  • er war 1,79 Meter groß;
  • er fiel 1933 durch die Führerscheinprüfung;
  • er war leidenschaftlicher Leser von Kriminalromanen;
  • er besuchte die Chinesische Oper in New York City mit Albert Camus;
  • Franz Boas starb 1942 direkt neben ihm;
  • Strawinsky machte auf ihn »den Eindruck einer pedantischen und ängstlichen russischen alten Dame«;
  • er brach mit Jacques Lacan in dessen Citroën DS zu »sehr lustig[en]« Expeditionen auf;
  • er fand in alten Kochbüchern in der New York Public Library »absolut sensationelle aphrodisische Rezepte«;
  • er war technophil, liebte Musik und Tiere;
  • er schnupfte einerseits gern Tabak, andererseits war er mit zwei bis drei Päckchen täglich auch ein starker Raucher;
  • er besaß eine Leidenschaft für Pilze;
  • er war klaustrophob und überpünktlich;
  • er äußerte sich sarkastisch, ja geradezu grausam gegenüber Roland Barthes’ literarischem Strukturalismus;
  • er mochte den Humor der US-amerikanischen Fernsehserie The Sopranos;
  • er hatte zwei Tageszeitungen abonniert;
  • er kaufte Max Ernst einen Kriegshelm ab, nachdem dieser sich von Peggy Guggenheim getrennt hatte und knapp bei Kasse war;
  • seine Lieblingsfarbe war Grün;
  • er neigte dazu, ohnmächtig umzukippen;
  • er schätzte Bücher von Michel Houellebecq;
  • er wünschte sich, daß es bei seiner Beerdigung regnen würde, damit die Trauernden möglichst formlos in Plastikstiefeln erscheinen würden.

Emmanuelle Loyer. Lévi-Strauss. Eine Biographie. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Suhrkamp, 2017, pp. 111, 135, 171-2, 380, 423, 440, 506-7, 578-9, 706, 715, 731-2, 740-1, 748, 750, 796, 805, 812, 883, 911, 946, 1031, 1034.

Vignetten

Randall Fullers Studie über den Einfluß von Charles Darwins Evolutionstheorie auf das intellektuelle Amerika der 1860er Jahre erweist sich – folgt man der Rezension John Hays – als Füllhorn obskurer Anekdoten. So erfahre man beispielsweise, daß der Bostoner Mediziner John Jeffries (1744-1819) »der erste Mensch war, der den Ärmelkanal per Luftballon« überquert habe, und zwar nackt! Der als ›letzter Transzendentalist‹ apostrophierte Franklin Sanborn (1831-1917) hingegen habe zweifelhafte lokale Berühmtheit (infamy) durch das »Düngen seines Gartens mit seinen eigenen Fäkalien« erlangt. Derartige Abschweifungen sind das Salz in der Suppe einer jeden (wissenschaftlichen) Monographie!

John Hay. »Darwins Early Adopters.« Rezension zu The Book That Changed America. How Darwins Theory of Evolution Ignited a Nation, von Randall Fuller. Public Books, Apr. 5, 2017, http://www.publicbooks.org/darwins-early-adopters/.

Touché!

Als ein Violinist – es handelte sich dabei wohl um den Italiener Felix Radicati – die sogenannten Rasumowsky-Quartette mit der Bemerkung, diese seien keine Musik, abqualifizierte, entgegnete ihm ihr Komponist Beethoven souverän: »Sie sind nicht für Sie, sie sind für eine kommende Zeit.« Dieses Diktum sollten sich alle Künstler auf ihre Fahnen schreiben.

Lewis Lockwood. »›There Is Only One Beethoven‹.« Rezension zu Beethoven for a Later Age: Living with the String Quartets, von Edward Dusinberre. The New York Review of Books, Jan. 19, 2017, vol. LXIV, no. 1, pp. 48-50.

Anti-Cafard

Nachdem Emil Cioran 1936 aus Deutschland zurückgekehrt war, nahm er eine Stelle als Philosophielehrer im rumänischen Braşov an. Es sollte sein letzter Versuch sein, einer geregelten Vollzeitarbeit nachzugehen – und er scheiterte wie so oft. Sein Unterricht war derart chaotisch, er selbst als Lehrer derart ungewöhnlich, daß der Direktor, als Cioran die Schule schließlich verließ, dieses Ereignis zum Anlaß nahm, um sich in einen Vollrausch zu saufen. Die dionysische Erleichterung des einen ging mit dem Katzenjammer des anderen einher.

Costica Bradatan. »The Philosopher of Failure: Emil Cioran’s Heights of Despair.« Los Angeles Review of Books, Nov. 28, 2016, https://lareviewofbooks.org/article/philosopher-failure-emil-ciorans-heights-despair/.

Heldenhumor

Im New Yorker gibt die Sängerin Catherine Russell, die neben vielen anderen auch mit David Bowie auf Tour gewesen ist, ein Beispiel von Bowies Humor: »One night, he had on that Armani suit,« she said. »I told him, ›You look real good in that suit.‹ He says, ›I’m a happily married man.‹« Kleider machen Helden, just for one day…

Sarah Larson. »David Bowie, Celebrated By His Friends.« The New Yorker, Sept. 30, 2016, http://www.newyorker.com/culture/sarah-larson/david-bowie-celebrated-by-his-friends.