Unbildnisse

Als ich vor einigen Tagen im Niobidensaal des Berliner Neuen Museums eine Büste Sokrates’ entdeckte, die mit fünf anderen griechischen Denkern und Dichtern vor dem exklusiven, achteckigen Nordkuppelsaal der Nofretete-Büste Spalier zu stehen schien, erinnerte ich mich an den F.A.Z.-Fragebogen, den Hans Blumenberg 1982 ausgefüllt hatte, und in welchem er unter anderem auf die Frage nach seiner »Lieblingsgestalt in der Geschichte« antwortete: »Sokrates, weil man von ihm wenig genug weiß, um sich alles denken zu können«. Ich fragte mich, wie realistisch, wie lebensecht diese Sokrates-Darstellung wohl sei, zumal es sich bei ihr um eine »[r]ömische Kopie des 2. Jhs. n. Chr. nach griechischem Vorbild des 4. Jhs. v. Chr.« handelte. Doch ganz gleich, wie groß die Unähnlichkeit auch sein mag: man hätte es wohl kaum ertragen, nicht nur keine Schriften, sondern auch kein Bildnis dieses so herausragenden Philosophen zu besitzen.

Sokrates_Neues Museum Berlin (Schulte-Ebbert, 2017)
Bildnis des athenischen Philosophen Sokrates (um 470-399 v. Chr.)

Apropos Schriften: Interessanterweise taucht der Name Sokrates noch zwei weitere Male in Blumenbergs Fragebogen auf, und zwar: »Ihre Helden in der Wirklichkeit? Sokrates, weil er nichts geschrieben hat / Ihre Heldinnen in der Geschichte? Yanthippe [sic!], da sie Sokrates ertrug, obwohl er nichts schrieb«. Man kann sich den Münsteraner Vielschreiber und Allesnotierer beim Beantworten dieser beiden Fragen ganz gut verschmitzt lächelnd an seinem Schreibtisch in Altenberge vorstellen.

Rüdiger Zill. »Umweg zu sich. Hans Blumenbergs Spiegel-Bild.« Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft VII/1, Frühjahr 2013, pp. 81-90, hier p. 88.

Ins Nirvana

Einer der bekanntesten und erfolgreichsten Polizisten der Weimarer Republik, der Berliner Kriminalkommissar Ernst Gennat (1880-1939), wurde »aufgrund seiner Körperfülle der ›Buddha vom Alex‹, oder einfach nur ›Der Dicke‹ genannt.« Unter seiner Federführung wurde »auch das berühmte ›Mordauto‹ angeschafft«. Der auf den ersten Blick verstörende, ja beinahe komisch anmutende Gegensatz von ›Buddha‹ und ›Mordauto‹ wird entschärft, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, daß der Buddha ein Mensch ist, welcher unter anderem »Einsicht in das Wesen der Tatvergeltung als Unheilszusammenhang« hat. Gennat trat somit nicht nur als korpulenter Beamter eindrucksvoll in Erscheinung, sondern auch als personifiziertes karma.

Regina Stürickow. Verbrechen in Berlin. 32 historische Kriminalfälle 1890-1960. Elsengold, 2014, p. 52.

»Buddha.« Lexikon des Buddhismus. Grundbegriffe, Traditionen, Praxis in 1200 Stichworten von A-Z, von Klaus-Josef Notz. Genehmigte Lizenzausgabe, Herder, 1998. Fourier, 2002, pp. 88-93, hier p. 88.

Wahrnehmungen

Nach seiner Trennung von Regine Olsen schrieb Kierkegaard (»S. K.«) während eines langen Winters in Berlin sein »Lebensfragment« Entweder – Oder. Zudem besuchte er Vorlesungen Friedrich Schellings, die er als Zeitverschwendung empfand. Entweder schreiben oder hören: Man muß Prioritäten setzen!

Peter E. Gordon. »Kierkegaard’s Rebellion.« Rezension zu Kierkegaard: Exposition and Critique, von Daphne Hampson. The New York Review of Books, Nov. 10, 2016, vol. LXIII, no. 17, pp. 21-3.