Sabotage

In seiner aktuellen »Neulich«-Kolumne für die Literaturzeitschrift Volltext gibt der Schriftsteller Andreas Maier folgende Anekdote zum besten: »Neulich schlief mir in der U-Bahn ein Fuß ein, den ich darauf hob und schüttelte. Ein mir gegenübersitzender Mann rief gleich: Spinnst du, hast du keinen Respekt? Ich sagte, mein Fuß sei eingeschlafen, und hob ihn wieder, um ihn zu schütteln. Darauf er, völlig wildgeworden: Du Scheißnazi, du Faschist, du deutsche Drecksau, man muss euch alle umbringen. Er schrie durch den ganzen Waggon und meinte mit ›euch alle‹ uns alle im Waggon. Übersetzt in klare Sprache: Er war Araber, besoffen und glaubte, ich hätte ihm ›die Fußsohle gezeigt‹. Er hatte dieses rhetorisch miese ›Respekt‹-Wort zur Hand (und Gott sei Dank kein Messer).« Unweigerlich mußte ich an die berühmt-berüchtigte Pressekonferenz vom 14. Dezember 2008 in Bagdad denken, in welcher der irakische Journalist Muntadhar al-Zaidi zu weltweiter Prominenz avancierte, und zwar nicht etwa aufgrund kritischer Fragen, die er stellte, sondern vielmehr weil er seine Schuhe auf den damaligen US-Präsidenten George W. Bush warf und ihn zweimal nur knapp verfehlte. Vor dem Hintergrund islamischer Hygieneverordnungen erhält die Sabotage (frz. saboter für ›in Holzschuhen umhertappen‹, ›derb auftreten‹, ›mit dem Kreisel spielen‹, ›stoßen‹, ›quälen‹) eine neue Dimension.

Andreas Maier. »Neulich.« Volltext, Nr. 3/2018, pp. 24-5, hier p. 24.

Art. »sabotieren.« Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Erarbeitet unter der Leitung von Wolfgang Pfeifer. Genehmigte Lizenzausgabe, Edition Kramer, 2018, pp. 1153-4.

Bahnhof verstehen

Aus Uwe Johnsons Jahrestage-Eintrag vom 23. Juli 1968 lernt man Etymologisches: »Das russische Wort für Bahnhof«, führt Anita gegenüber der Freifrau von Mikolaitis aus, »woksal [Вокзал], es verdankt sich dem Vergnügungspark nahe dem Bahnhof London-Vauxhall, wie auch der Zar Alexander der Zweite Nikolajewitsch einen errichten ließ in seiner Stadt Pawlowsk, Rayon Woronesh; das Wort woksal ist gewißlich gefallen.« Die Vauxhall Pleasure Gardens dienten also als Vorbild für das russische Bahnhofsgebäude, das auch als Musikpavillon genutzt wurde. Mit einem derartig ›vergnüglichen‹ Lehnwort kann die deutsche Sprache nicht aufwarten. In Wolfgang Pfeifers Etymologischem Wörterbuch heißt es nüchtern: »Am häufigsten wird heute Bahn für ›das auf Schienen laufende Verkehrsmittel‹ (Eisen-, Straßenbahn) gebraucht. Dazu die Zusammensetzungen Bahnhof m. (um 1840), das älteres Eisenbahnhof allmählich verdrängt, und Bahnsteig m. (1886), das sich gegenüber älterem Perron durchsetzt.« Der Bahnhof als Residenz der Eisenbahn. Wie schön, daß sich die russische Etymologie durch Johnsons Jahrestage Bahn ins Deutsche brechen konnte.

Uwe Johnson. Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl. Suhrkamp, 2000, p. 1438.

»Bahn.« Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Erarbeitet unter der Leitung von Wolfgang Pfeifer. Genehmigte Lizenzausgabe, Edition Kramer, 2018, pp. 87-8, hier p. 87.

Die Kunst des Konflikts

In seinem Enthüllungsbestseller Fire and Fury, der den Wahlkampf und die ersten Monate der Präsidentschaft Donald Trumps beleuchtet, macht der amerikanische Journalist Michael Wolff auf folgenden Bedeutungswandel aufmerksam: »Man definierte sich selbst durch die Reaktion seiner Feinde. Konflikt war der Köder dieser Medien [der Internet-Medien, speziell Breitbart] und damit der Politik selbst. Politik war nicht mehr die Kunst des Kompromisses, sondern die Kunst des Konflikts.« Abgesehen von der Frage, ob nicht immer schon beide Auffassungen den Politikbegriff geprägt haben, drückt Wolffs Diagnose einen Wandel vom geistigen (compromittere, zusagen) zum körperlichen (confligere, zusammenschlagen) Umgang auf der politischen Bühne aus, vom Zorn zum Feuer. Im zwölften Kapitel der Kunst des Krieges, das mit »Angriff durch Feuer« betitelt ist, heißt es: »Zorn mag sich mit der Zeit in Freude verwandeln; auf Verärgerung mag Zufriedenheit folgen. Doch ein Königreich, das einmal zerstört wurde, kann nie wieder errichtet werden; und auch die Toten können nicht ins Leben zurückgeholt werden.« Es bleibt abzuwarten, welche Dimension den Politikbegriff fortan beherrschen wird.

Michael Wolff. Feuer und Zorn. Im Weißen Haus von Donald Trump. Gelesen von Richard Barenberg, argon Hörbuch, 2018, Apple Music, Kap. 43, 1:54-2:07.

Sunzi. Die Kunst des Krieges. Herausgegeben und mit einem Vorwort von James Clavell. Knaur, 1988, p. 148.

Bockige Ausdauer

In der aktuellen Ausgabe der österreichischen Literaturzeitschrift Volltext ist das Gespräch abgedruckt (und wie man erfährt: »hier erstmals vollständig publiziert«), das Alexander Kluge im April 1994 mit dem damals 66jährigen Soziologen Niklas Luhmann in München geführt hat. Es endet mit Kluges Frage: »Was würden Sie als eine Ihrer Haupteigenschaften bezeichnen?«, worauf Luhmann prägnant antwortet: »Bockigkeit«. Die Semantik dieses Begriffs umgibt nichts Mysteriöses; das Verb bockenbedeutet – folgt man Kluges (nicht Alexander!) Etymologischem Wörterbuch»steifbeinig dastehen und sich sperren wie ein Bock«. Luhmann sieht sich also als einen störrischen, widerstrebenden, vielleicht auch launischen Menschen, in dessen Hartnäckigkeit jedoch vor allem das Moment der unbedingten Ausdauer zum Tragen kommt. Interessanterweise hatte der 61jährige Philosoph Hans Blumenberg 1982 im sogenannten Proustschen Fragebogen für das Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Frage nach seinem Hauptcharakterzug nicht minder prägnant, doch weniger negativ konnotiert, als es Luhmann tat, mit »Ausdauer« beantwortet. Sicherlich muß man als Geistesarbeiter nicht nur flexibel und offen, sondern auch ausdauernd und stur wie ein Bock sein, zumindest wenn man ein ganzes Zettelkasten-Universum erschaffen und beherrschen möchte, wie dies Blumenberg und Luhmann getan haben. Im Nachwort zu Quellen, Ströme, Eisberge findet sich – bezugnehmend auf eine Randbemerkung Blumenbergs auf einer Kopie von Luhmanns Text Kommunikation mit Zettelkästen – die folgende Anekdote: »Gegen Luhmanns Erklärung, er arbeite seit nunmehr 26 Jahren mit seinem Zettelkasten, setzt Blumenberg 1981 handschriftlich die Zahl 40!« – man beachte das beinahe bockig gesetzte Ausrufezeichen.

Alexander Kluge. »›Schirmherr makelloser Schlangenschönheit.‹« Volltext, Nr. 4/2017, pp. 34-51, hier pp. 34, 49.

Art. »bocken.« Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Aufl., de Gruyter, 2011, p. 137.

Rüdiger Zill. »Umweg zu sich. Hans Blumenbergs Spiegel-Bild.« Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft VII/1, Frühjahr 2013, pp. 81-90, hier p. 88.

Ulrich von Bülow und Dorit Krusche. Nachwort. Quellen, Ströme, Eisberge, von Hans Blumenberg, herausgegeben von Ulrich von Bülow und Dorit Krusche, Suhrkamp, 2012, pp. 271-85, hier p. 280.