Geistesarbeiter

Aus einer Doppelrezension erfahre ich, daß Michel Foucault täglich zwölf Stunden lang in der Bibliothèque nationale de France gesessen haben soll. Er kann somit als aktuelles Beispiel der bereits Anfang des 18. Jahrhunderts attestierten »fragilen Professorengesundheit« aufgrund chronischer Immobilität herangezogen werden.

Bruce Robbins. »The Other Foucault. What led the French theorist of madness and sexuality to politics?« Rezension zu Foucault: The Birth of Power und Foucault’s Last Decade, von Stuart Elden. The Nation, Nov. 2, 2017, https://www.thenation.com/article/the-other-foucault/.

Nico Schulte-Ebbert. »Mens sana in corpore sano.« denkkerker, 21. Nov. 2016, https://denkkerker.com/2016/11/21/mens-sana-in-corpore-sano/.

Mens sana in corpore sano

Im Jahre 1701 hielt der Helmstädter Mediziner Friedrich Schrader (1657-1704) eine Disputation über die fragile Professorengesundheit ab. Wer meine, Geistesarbeiter seien vor körperlicher Abnutzung gefeit, der lese die folgenden Zeilen: »Durch das beständige Sitzen und den Bewegungsmangel werden die Körperausscheidungen zurückgehalten, ein Fehler[,] den die Gelehrten ohnehin häufig durch geistige Abwesenheit begingen. Weil Gelehrte oft die Mahlzeiten vergessen und keinen Appetit verspüren, ist auch das Nahrungsangebot für den Körper zu niedrig. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Nachtarbeit, die die spiritus [Lebensgeister] verringere und nicht durch Schlafen am Tag zu kompensieren sei. Auch die Augen nehmen hierdurch Schaden, denn sie benötigen zum Funktionieren, die visorii spiritus. Das Austrocknen der Augen und nachlassende Sehschärfe seien die Folgen.« Das Leben im Denkkerker erscheint auf einmal als Hochrisiko-Existenz.

Hartmut Beyer. »Theorie der Lebensgeister. Professorenleiden in der Frühen Neuzeit.« Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft X/4, Winter 2016, pp. 81-92.

Romandosis

Der Begriff »Bibliotherapie« wurde vor 100 Jahren geprägt und läßt an die Kafkasche Axt erinnern, die das gefrorene Meer in uns aufspaltet. Allerdings darf man – auch aus bibliotherapeutischer Sicht – nicht vergessen, daß Bücher auch den gegenteiligen Effekt haben sollten: die aufgewühlte See zu beruhigen, uns in Eisberge zu verwandeln.

James McWilliams. »Books Should Send Us Into Therapy: On The Paradox of Bibliotherapy.« The Millions, Nov. 2, 2016, http://www.themillions.com/2016/11/books-should-send-us-into-therapy-on-the-paradox-of-bibliotherapy.html.

Franz Kafka. »An Oskar Pollak, 27. Januar 1904.« Briefe 1902-1924, Fischer Taschenbuch, 1975, pp. 27-8. Gesammelte Werke in acht Bänden, herausgegeben von Max Brod.