Wahlfreiheit

Aus einer Doppelrezension in der New York Review of Books erfahre ich, daß strafrechtlich vorbelastete Kandidaten bei bundesstaatlichen und nationalen Wahlen in Indien dreimal häufiger gewinnen würden als andere. Dies deute darauf hin, daß sie es besser verstehen würden, Wähler zu kaufen oder einzuschüchtern, oder sie davon zu überzeugen, daß sie besser in der Lage seien, ›Dinge zu erledigen‹, als ihre gesetzestreuen Rivalen dies tun könnten. Der Ehrliche ist also nicht nur der Dumme; der Gesetzestreue scheint vor allem der Verlierer und der Ohnmächtige zu sein.

Max Rodenbeck. »A Mighty Wind.« Rezension zu How the BJP Wins: Inside India’s Greatest Election Machine, von Prashant Jha sowie When Crime Pays: Money and Muscle in Indian Politics, von Milan Vaishnav. The New York Review of Books, Apr. 19, 2018, vol. LXV, no. 7, pp. 4-8, hier p. 8.

Mammographien

Gleich am Anfang der neuen Volltext-Ausgabe springt mir ein Satz ins Auge, der typographisch hervorgehoben ist: »Niemand weiß, ob Adorno auf den Hohn der drei jungen Frauen mit Tränen reagierte.« In diesem Satz steckt zweierlei: Zunächst das schlichte, historische Ereignis, das am 22. April 1969 in Hörsaal VI der Frankfurter Goethe-Universität stattgefunden hat, und das Peter Sloterdijk im Vorwort seiner Kritik der zynischen Vernunft mit den Worten zusammenfaßt: »Eben war der Philosoph [Adorno] im Begriff, seine Vorlesung zu beginnen, als eine Gruppe von Demonstranten ihn am Betreten des Podiums hinderte. Dergleichen war im Jahr 1969 nichts Ungewöhnliches. An diesem Fall zwang etwas zu genauerem Hinsehen. Unter den Störern machten sich Studentinnen bemerkbar, die vor dem Denker im Protest ihre Brüste entblößten. Hier stand das nackte Fleisch, das ›Kritik‹ übte – dort der bitter enttäuschte Mann, ohne den kaum einer der Anwesenden erfahren hätte, was Kritik bedeutet – Zynismus in Aktion. Nicht nackte Gewalt war es, was den Philosophen stumm machte, sondern die Gewalt des Nackten.« Daneben eröffnet besagter Satz einen Möglichkeitsraum, er lädt zu einer Überlegung ein, einer Fiktion, einer Vorstellung, die das sogenannte ›Busenattentat‹ transzendiert und Adorno nach seiner Flucht vor Brüsten, Blumen und Bussis als gedemütigten, gebrochenen, weinenden Philosophen imaginiert. Ich mußte bei diesem Szenario unweigerlich an den Kulturkritiker David Kepesh aus Philip Roths Roman Das sterbende Tier denken. Kepesh, 62 und Vertreter der ›männlichen Emanzipation‹, ist regelrecht besessen von seiner 24jährigen Studentin Consuela Castillo, genauer: ihre Brüste sind seine Obsession. »Und sie ist eine Frau«, so Kepesh, »mit einem großen Busen. Die oberen beiden Knöpfe der Seidenbluse sind geöffnet, so daß man sehen kann, daß sie ausladende, wunderschöne Brüste hat.« Anders als Adornos ›Busenattentäterinnen‹ wisse Consuela noch nicht genau, »wie sie sie [die Macht] einsetzen soll, was sie damit anfangen soll und ob sie diese Macht überhaupt haben will.« Und anders als Adorno selbst flieht Kepesh nicht vor der Macht, will sagen: den ›Waffen einer Frau‹ – ganz im Gegenteil! Er erliegt dem »Chaos des Eros«, er erliegt den »herrlichsten Brüste[n], die ich je gesehen habe, und ich bin, wie Sie wissen, 1930 geboren und habe eine Menge Brüste gesehen. Diese waren rund, voll, perfekt. Die Art von Brüsten, bei denen die Warzen wie Untertassen sind, nicht wie Zitzen. Große, blasse, rosigbraune Brustwarzen, so unerhört erregend.« Nun, vermutlich war auch der 65jährige Adorno erregt, jedoch auf gänzlich andere Weise. Wo sich allerdings der fiktive New Yorker Kulturkritiker und der imaginierte Frankfurter Philosoph treffen, ist das Weinen. In der Silvesternacht 1999/2000 erfährt Kepesh von Consuelas Brustkrebserkrankung: »Als ich das hörte, begann ich zu weinen, und wir umarmten uns noch einmal […].« Die Tränen, die aufgrund eines Verlustes vergossen werden – sei es der Verlust des Respekts, sei es der Verlust einer Brust oder gar des Lebens –, sind Zeichen der Enttäuschung und des Schmerzes, der Liebe und des Menschlichen, der Schwäche und der Stärke. Im 122. Abschnitt seiner Minima Moralia schreibt Adorno: »Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.« Die Mammographien der beiden Intellektuellen sind im doppelten Sinne attraktiv.

Gisela Trams. »Mit Helmut Kohl an Rilkes Grab.« Rezension zu Das blindgeweinte Jahrhundert, von Marcel Beyer. Volltext, Nr. 2/2017, pp. 4-6, hier p. 6.

Peter Sloterdijk. Kritik der zynischen Vernunft. Bd. 1, Suhrkamp, 1983, p. 27.

Philip Roth. Das sterbende Tier. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren, Hanser, 2003, pp. 11-2; 28; 36; 136.

Theodor W. Adorno. Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Suhrkamp, 2001, p. 365.

Protestwahl

Eine interessante Art der Kandidatenempfehlung für den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf gibt die Philosophin Judith Butler. Laut einem Interview in der F.A.S. werde sie ihre Stimme Hillary Clinton ex negativo geben, denn es sei leichter gegen die Demokratin zu protestieren als gegen Trump: »Wir müssen ihr [Clinton] ins Weiße Haus helfen, damit wir eine Opposition gegen sie aufbauen können. Denn eine Opposition gegen Clinton hat bessere Chancen erfolgreich zu sein als eine gegen Trump.« Clinton, das kleinere, demokratischere Übel, wird so in eine Machtposition gesetzt, damit man ihre Macht beschneiden und lenken kann.

Judith Butler und Gregor Quack. »Das Paradox der Demokratie.« Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16. Okt. 2016, p. 54-5.