Flowermountain meets Bloomberg

Das Jahr beginnt mit einem kopfschüttelnden Schmunzeln meinerseits: In der Kultursparte des Norddeutschen Rundfunks entdecke ich einen am 30. Dezember veröffentlichten, in Interviewform gegossenen »gesellschaftspolitischen Jahresrückblick« mit dem Soziologen Hartmut Rosa. Befragt nach der Kulturpolitik des vergangenen Jahres, antwortet dieser: Ich habe deshalb in den letzten Monaten sehr viel darüber nachgedacht, welche Rolle eigentlich Kultur…Mehr

2021 – Mein Bücherjahr

Am letzten Tag des Jahres werfe ich – wie schon 2012, 2017, 2018, 2019 und 2020 – einen chronologisch ausgerichteten Blick zurück auf die abwechslungs- und lehrreichen (Hör-)Bücher, die ich in den vergangenen zwölf Monaten lesen (und hören) konnte. [1]Detlev Claussen. Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie. S. Fischer, 2003. [2]Jan Roß. Die Verteidigung des…Mehr

2021 – Mein Streaming- und Fernsehjahr

[1]Tatort Weimar: Der feine Geist, MDR, 2021. [2]The Handmaid’s Tale: Der Report der Magd, Staffel 3, 13 Episoden, Amazon Prime, 2019. [3]Voll abgezockt, Netflix, 2013. [4]Tatort Köln: Der Tod der Anderen, WDR, 2021. [5]Charité, Staffel 3, 6 Episoden, ARD, 2021. [6]The Foreigner, Amazon Prime, 2018. [7]Tatort Stuttgart: Das ist unser Haus, SWR, 2021. [8]Lupin, Staffel…Mehr

Dezember 2021 – Meine Leseliste

[1]Helmut Mayer. »Ökologie ist nicht grün.« Rezension zu Wo bin ich? Lektionen aus dem Lockdown, von Bruno Latour. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2021, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/bruno-latours-buch-wo-bin-ich-17653106.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2. [2]Mike McCartney und Henry Yates. »›I was part of the Beatles’ act‹: Mike McCartney’s best photograph.« The Guardian, 1 Dec 2021, https://www.theguardian.com/artanddesign/2021/dec/01/the-beatles-mike-paul-mccartney-best-photograph. [3]Angie Martoccio. »Coveted Archives of Beatles Road Manager Mal Evans…Mehr

Einsame Einzelne

Ich stoße in einem Brief Carl Schmitts an Gretha Jünger auf eine Passage, die schauderhaft berückend tönt: Es ist merkwürdig, wie in derselben Zeit, in der die menschlichen Nachrichten- und Kommunikationsmittel ihre fabelhafteste Steigerung erreicht zu haben scheinen, der einzelne denkende Mensch mit ungeheurer Wucht auf sich selbst zurückgeschleudert wird, auf seine einzelne, einsame Einzigkeit…Mehr

Ich nicht

In Franziska Augsteins Nachruf auf den am 17. Dezember im Alter von 91 Jahren verstorbenen Verleger Klaus Wagenbach heißt es: Und noch eine zweite Eigenschaft ist es, neben der Ironie, die ein unabhängiger Verleger benötigt: Eigensinn. Der wurde dem kleinen Klaus von seinem Großvater beispielhaft geboten. Der hatte über seinem Hauseingang die Worte anbringen lassen:…Mehr

November 2021 – Meine Leseliste

[1]Charles M. Blow. »Metaverse? Are You Kidding Me?!« The New York Times, Oct. 31, 2021, https://www.nytimes.com/2021/10/31/opinion/metaverse-facebook.html. [2]Jennifer Schuessler. »Oxford’s 2021 Word of the Year Is a Shot in the Arm.« The New York Times, Oct. 31, 2021, https://www.nytimes.com/2021/10/31/arts/vax-oxford-word-year.html. [3]Benedict Neff. »Alain Finkielkraut: ›Ich wurde viel häufiger beschuldigt, ein dreckiger Rassist zu sein als ein dreckiger…Mehr

Eleanor Rigbys stolze Schwester

Man merkt es dem Song nicht an, aber er wurde unter Zeit- und Geldnot produziert, und zwar in Studio 2 der Abbey Road, das noch mit Instrumenten und Gadgets der Beatles gefüllt war: »A Rose for Emily« der Zombies ist eine Elegie für junge und alte Liebende Als man Mitte der achtziger Jahre auf dem…Mehr

Oktober 2021 – Meine Leseliste

[1]Mathias Brodkorb. »Rassistischer Reis.« Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2021, https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/die-theorie-der-kulturellen-aneignung-fuehrt-zum-voelkischen-denken-zurueck-17558262.html?premium. [2]Sibylle Anderl, Michael Hanfeld und Joachim Müller-Jung. »Ein Kessel Schwurbel.« Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2021, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/kuenstler-aeussern-kritik-an-corona-politik-mit-allesaufdentisch-17563403.html?premium. [3]James Plunkett. »Email: the worst form of communication yet devised by humankind?« Prospect, September 28, 2021, https://www.prospectmagazine.co.uk/society-and-culture/email-the-worst-form-of-communication-yet-devised-by-humankind. [4]Alex Marshall. »A Year in the Life: Who Gets a Master’s Degree in the…Mehr

Anatomie der Melancholie

Der klassische Philologe Gregory Hays gibt in einer Rezension dreier Titel zum Thema Depression einen konzisen Überblick über die mannigfaltigen Ursachen der Melancholie, die Robert Burton (1577–1640), anglikanischer Geistlicher, Gelehrter und Bibliothekar am Christ Church College in Oxford, in seinem erstmals 1621 unter dem Pseudonym »Democritus Junior« erschienenen Hauptwerk The Anatomy of Melancholy, What it…Mehr

Von Selbstzweifeln zur Selbsthistorisierung

In der aktuellen Ausgabe von Sinn und Form findet sich ein berührender Beitrag Ernst Osterkamps, in dem der emeritierte Literaturwissenschaftler und -kritiker melancholisch wie begeistert zurückblickt auf die Zeit seines Studiums und der zweijährigen Arbeit an seiner komparatistischen Dissertation über Luzifer. Stationen eines Motivs an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster von 1968 bis 1977. Ausgangspunkt dieser…Mehr

September 2021 – Meine Leseliste

[1]Helmut Mayer. »Durch das Deutschland der Kriegsjahre.« Rezension zu Im Rachen des Wolfes. Meine Jugend in Nazideutschland, von Monique Lévi-Strauss. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2021, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/monique-levi-strauss-im-rachen-des-wolfes-das-deutschland-der-kriegsjahre-17473806.html. [2]Dwight Garner. »Colm Toibin’s ›The Magician‹ Intimately Recaptures a Literary Giant.« Rezension zu The Magician, von Colm Tóibín. The New York Times, Aug. 31, 2021, https://www.nytimes.com/2021/08/31/books/review-magician-colm-toibin.html. [3]Anne Applebaum. »The New…Mehr

Geliebter Staub

Ein unterhaltsamer und ausgewogen erzählender Essay im Guardian weiß nicht nur Hintergründiges und Persönliches über den 1954 in Montreal geborenen Kognitionswissenschaftler Steven Pinker zu berichten – etwa daß er Classic Rock liebe und das Abschiedskonzert The Last Waltz der kanadischen Rockband The Band mindestens ein Dutzend Mal gesehen habe –; es gibt auch berührende und…Mehr

Denn Blumenberg ist ein anderer: Von Löwen und Menschen (revisited)

Heute vor zehn Jahren, am 28. September 2011, besuchten Kristy Husz und ich die Blumenberg-Lesung Sibylle Lewitscharoffs in der Stadtbücherei Münster. Grund genug, den Text, den wir über diese Veranstaltung drei Tage später bei carnival of lights veröffentlicht haben, nun zum 10. Jahrestag im Denkkerker unverändert wiederzugeben, allerdings ergänzt um weitere Abbildungen, die Transkription eines…Mehr

Zeitüberfluß

Ein besonders humorvolles Beispiel, in einer Situation, in der mehr Zeit zur Verfügung steht, als gedacht, mit einem Mehr oder Zuviel an Zeit umzugehen, gibt der vorgestern im Alter von 61 Jahren an Leukämie verstorbene kanadische Stand-Up-Comedian Norm Macdonald. Er war berühmt dafür, mäandernde und verwirrende Geschichten mit teils abstrusen, kitschigen oder auch bitterbösen Pointen…Mehr

Heimsuchung vom jugendlichen Ich

Die US-amerikanische Historikerin und Journalistin Anne Applebaum begibt sich in einem lesenswerten Beitrag für die September-Ausgabe von The Atlantic in den Kaninchenbau der immer grotesker werdenden und immer besorgniserregendere Ausmaße annehmenden sozial-aktivistischen Bewegungen zwischen cancel culture und political correctness, deren Vertreter sie als »Neue Puritaner« bezeichnet. Sie schreibt: Die Tadelsüchtigkeit [censoriousness], das meidende, ausweichende Verhalten…Mehr

August 2021 – Meine Leseliste

[1]»Annalena Baerbock für geschlechtergerechte Gesetzestexte.« Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.08.2021, https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/annalena-baerbock-fuer-geschlechtergerechte-gesetzestexte-17463972.html. [2]Michael Hofmann. »Heine’s Heartmobile.« Rezension zu Heinrich Heine: Writing the Revolution, von George Prochnik. The New York Review of Books, vol. LXVIII, no. 12, July 22, 2021, pp. 42-4. [3]Neal Ascherson. »Into the Wrecks.« Rezension zu War at Sea: A Shipwrecked History from Antiquity to…Mehr

Nemesis

Nemesis (Νέμεσις), so erfährt man aus dem Kleinen Pauly, ist »das zur Augenblicksgottheit anthropomorphisierte dämon[ische] Schicksalswalten«; eine »Zuweiserin, Vergelterin […] Straferin und Rächerin«. Sie ist die »[m]ytholog[ische] Tochter der Nyx [Νύξ, die Göttin der Nacht] und des Okeanos [Ὠκεανός, der Gott eines die Welt umfließenden Stromes]«. Das Gründliche mythologische Lexikon des Rektors und Altertumsforschers Benjamin…Mehr

Adorno und die Beatles

In einer Rezension im New Statesman entdecke ich eine verblüffende Verschwörungsideologie, die sich hinsichtlich des atemberaubenden Erfindungsreichtums nicht hinter rezenten Manifestationen verstecken muß: Im Jahr 2010 schrieb Fidel Castro, daß die im Exil lebenden marxistischen Akademiker in den 1950er Jahren mit der Rockefeller-Familie zusammenarbeiteten, um Bewußtseinskontrolle zu entwickeln und Rockmusik als neues Opium für die…Mehr

Im Westen was Neues

Assoziationsräume kontinentaler Dimensionen taten sich auf, als ich kürzlich über einen unscheinbaren Druckfehler stolperte. Im Habermas-Themenheft der Zeitschrift für Ideengeschichte findet sich der folgende Satz: Die Strauss’sche Pointe erinnert an ein Bonmot des Habermas-Schülers Claus Offe zur Zeit des Mauerfalls, nachdem es für den Western nun darauf ankäme – nicht nur besser, sondern gut zu…Mehr